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Der Charme der langen Wege

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783990650578
Sprache: Deutsch
Umfang: 192 S., 8 Illustr., mit Illustrationen des Autors
Format (T/L/B): 2 x 19.5 x 12 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

In den Jahren des Goldenen Zeitalters der Requisiten, als inzwischen längst verbotene oder schlicht nicht mehr erhältliche Wirkstoffe und Substanzen das Klangspektrum noch bereichert hatten, nahmen Sprühdosen und Zerstäuber die vorderen Ränge unter Berts liebsten Instrumenten ein. Mit Hilfe sorgfältig aufeinander abgestimmter Sprays, die unter je eigenem Druck standen, gelang es ihm, Geräuschkulissen heraufzubeschwören, deren vielfältige Akustik sogar einen Laien begeistert hätte, vorausgesetzt dieser hätte auch nur den Hauch einer Idee davon gehabt, welch außergewöhnlichen Einfallsreichtums es bedarf, etwas, das es nicht gibt, wie etwas klingen zu lassen, das Bildern den Anschein von Wirklichkeit verleiht. Ungeachtet der widrigsten Aufnahmebedingungen, die sich auf das Sprühverhalten und gleichzeitig auf sämtliche damit einhergehende Geräusche inklusive ihrer Assoziationsaura auswirkten, umfasste Berts Palette sowohl arktische Kälte - so klirrend, dass der Atem sämtlicher Laien vor ihrem geistigen Auge sichtbar wurde - als auch einen aufgrund von Überhitzung stöhnenden Druckkochtopf, einen Kometenschauer, ein leckes Schlauchboot mitten auf dem Ozean, eine Giftschlange außerhalb ihres Terrariums sowie Explosionen, die Bert Sprühdosen entlockte, indem er eine Mikrowelle, in die er sie zuvor gestellt hatte, auf vollen Touren laufen ließ. Sprühen erwies sich als einzigartiger akustischer Kitt. Gesprüht wurde zwischen überwältigenden Bildsequenzen, als keuche das Geschehen vor lauter Ereignisreichtum, als hole die Reproduktionsmaschinerie kurz Luft, ehe der soeben erreichte Höhepunkt eine gerade noch für unmöglich gehaltene Steigerung erfahren sollte. Sprühen animierte zum Schweigen, hörte sich nach einer immateriellen Drohung an, klang nach einer vagen Spur, einem Kondensstreifen vergleichbar, den etwas hinterlässt, das unter großem Druck aus einer winzigen Öffnung strömt. Ähnlich zufriedenstellende Ergebnisse erzielte Bert später nur noch mit Brausetabletten. In wohltemperierten Flüssigkeiten aufgelöst ließ sich diesen eine außerordentliche Bandbreite an Geräuschen abringen, die an die Heiserkeit gefühlvoll bearbeiteter Schlagzeugbecken heranreichte. Etwas, das den inexistenten Klang von Elektrizität hörbar machte, die Akustik einer Welt unterhalb des Meeresspiegels, wo sonderbare Kreaturen anzutreffen waren. Wesen, wie sie der Fantasie von Regisseuren und Maskenbildnern entsprangen.

Autorenportrait

Hanno Millesi, geboren in Wien, Studium an der Universität Wien und an der Hochschule für angewandte Kunst. Auszeichnungen (Auswahl): Reinhard-Priessnitz-Preis (2017), Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien (2012, 2011), Projekt- und Staatsstipendien für Literatur. Sein Roman »Die vier Weltteile« war für den Österreichischen Buchpreis 2018 nominiert, auf der SWR Bestenliste und auf der ORF Bestenliste vertreten. www.hanno-millesi.com

Leseprobe

Geräusche sind seine Welt. Früher hatte Lambert, ein Virtuose auf diesem Gebiet, stets den richtigen Ton parat - ob Kinofilme, Radio oder TV: Gemeinsam mit seinem Partner war ihm die Suche nach dem passenden Klang weder zu mühsam noch zu ausgefallen. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Nun lebt Lambert im Vorort einer langsam zerfallenden Stadt und verbringt seine Tage mit Spaziergängen. Als er dabei von einem Golfball am Kopf getroffen wird und sein Hörvermögen verliert, lädt er seine verstaubte analoge Bandmaschine DX-8 auf eine Schubkarre und macht sich mit ihr auf den Weg in die Stadt - auf die Suche nach Spuren seines alten Lebens, nach seinem Partner und einem neuen Zuhause für seine DX-8. In Hanno Millesis neuem Roman kehrt der Mensch über die langen Wege der Erinnerung in die letzte Häuslichkeit ein - bei sich selbst.